Archiv Möbelfabrik Bernhard Ludwig

Die Wurzeln des Hauses reichen weit vor die Fabrik zurück. Das Vorgängergebäude an der Ecke Hofmühlgasse, Münzwardeingasse und Magdalenenstraße entstand in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und besaß einen bemerkenswerten Saal. Es lag in der damals noch eigenständigen Vorstadt Gumpendorf und war als Haus „Zum Münzwardein“ bekannt. 1824 wurde es umgebaut und später durch Zubauten erweitert. 1869 kam Bernhard Ludwig, ein Tischlergeselle aus Sachsen, nach Wien. Die Stadt wuchs rasant, und mit ihr wuchsen die Möglichkeiten für Menschen mit Tatkraft und Ehrgeiz. Dank seines Fleißes fasste er in Gumpendorf Fuß und richtete seine erste kleine Werkstatt ein, die später prachtvolle Spuren in Wien hinterlassen sollte.

Sein Haus wurde nicht nur Wohnsitz, sondern auch Schaufenster seiner Kunst, mit historistischen Täfelungen, kunstvollen Möbeln und detailreichen Schnitzereien. Ludwig war nicht nur Handwerker, sondern auch Visionär. 1873 erhielt er Anerkennung für Restaurierungsarbeiten an Hofburg und Schönbrunn, nahm an der Weltausstellung in Wien teil und wurde Ritter des Franz-Joseph-Ordens. Ein Jahr später folgte die Ernennung zum k.u.k. Hofkunsttischler.

Die Entwicklung der Fabrik

Mit dem Erfolg wuchs das Unternehmen. In der Münzwardeingasse entstand eine Fabrik, die weit mehr war als eine Tischlerei: Möbel und Kunstgegenstände aus einer Hand. Zunächst arbeitete Ludwig für wohlhabende Bürger und den Adel, in den 1880er Jahren konzentrierte er sich auf öffentliche Gebäude wie Justizpalast, Parlament, Rathaus und Burgtheater. Auch das rumänische Königshaus ließ sich von seiner Meisterkunst begeistern. Da das Stammhaus bald zu klein wurde, entschloss sich die Familie 1895 zum Bau einer zweiten Fabrik mit Sägewerk und Bautischlerei nahe dem Bahnhof Liesing, die ab 1898 in Betrieb war. Die Möbelherstellung in Gumpendorf blieb das Herz des Unternehmens.

Fabrik Liesing um 1900

Die Firma zählte bald zu den führenden Möbelfabrikanten der Donaumonarchie, fertigte einfache Serienmöbel ebenso wie hochwertige Interieurs und unterhielt Niederlassungen in Wien, Brünn, Triest, Bukarest, Kairo und Alexandria.

Nach Ludwigs Tod wurde seine Furnierschälmaschine in Betrieb genommen. Sein Sohn, selbst Architekt, übernahm das Unternehmen und führte es in die Zeit um 1900, als sich der Betrieb zunehmend den modernen Strömungen der Wiener Architekten zuwandte. Rückschläge blieben nicht aus: Am 12. Juni 1900 brach in der Münzwardeingasse ein Brand aus, doch der Betrieb ließ sich nicht aufhalten. Bis zum Ersten Weltkrieg stieg die Zahl der Beschäftigten an beiden Standorten auf 400 bis 500. Erst 1976 ging die Firma in Konkurs.

Brand in der Möbelfabrik Bernhard Ludwig in Wien

Einfluss auf Kunst und Kultur

Als Hofkunsttischler des Historismus war die Firma am Aufbau der Wiener Ringstraße beteiligt und stattete Gebäude aus, die das Bild des Wien der Monarchie bis heute prägen. Gefördert wurde Ludwig dabei von Theophil Hansen, der ihm Aufträge vermittelte und den Stil seiner Möbel mitprägte. Ihre Arbeiten zeigte die Firma auch international, auf den Weltausstellungen in Wien 1873 und Barcelona 1888 sowie bei der Kunstschau Wien 1908. Dass Ludwig nicht nur im Historismus eine Rolle spielte, zeigt der Katalog „Wagner, Hoffmann, Loos und das Möbeldesign der Wiener Moderne” (Hofmobiliendepot, 2018), der die Firma als Produzenten behandelt. So steht das Unternehmen für den Übergang vom Prunk der Ringstraßenzeit zu den Strömungen, die Wien um 1900 zu einem Zentrum der Gestaltung machten.

Von der Möbelfabrik zur Kreativfabrik

Wo einst Möbel für Schlösser, Theater und Königshäuser entstanden, arbeiten heute Künstlerinnen, Gestalter und Schöpfer. Die Kreativfabrik ist die Fortsetzung der Fabrikgeschichte mit anderen Mitteln. Die großzügigen Räume, die hohen Decken und das Licht der Werkstätten, die einst für Tischler und Schnitzer gebaut wurden, bieten heute Platz für ganz unterschiedliche Ateliers.

Die Familie Ludwig verwaltet den Gebäudekomplex heute in vierter Generation. Der Urenkel, Bernhard Hanreich Ludwig, Betriebswirt und Ethnologe, ist in diesen Räumen aufgewachsen und hat mit Gespür für Atmosphäre mehrere gastronomische Konzepte zum Leben erweckt: den einstigen „Antiquitäten Keller”, heute Down Under Pub, das ehemalige Restaurant „Kaiserwalzer”, heute Stadtheuriger Monami, und das lateinamerikanische Eventlokal Mi Barrio, vormals Andino. Heute ist die Geschichte der Ludwigs tief im 6. Bezirk verwurzelt, und die prächtigen Häuser erzählen noch immer von einer Zeit, in der Handwerkskunst, Innovation und unternehmerischer Geist ein Stück Wiener Geschichte schrieben.

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